Brotneid

Viel zu oft wer­den Lebens­mit­tel zu Weg­w­erf­pro­duk­ten. Umso bess­er, wenn Geschäfte zum Beispiel Brot und Back­waren abends an Sozialvere­ine spenden, damit sie noch frisch Bedürfti­gen zu Gute kom­men. Seit mehr als zehn Jahren wird dies auch im Back­shop eines Super­mark­tes so gehand­habt. Noch im Geschäft ver­pack­en die Verkäuferin­nen das Brot in Kisten. Auch Sabine, die seit mehr als 14 Jahren im Back­shop beschäftigt war, half oft dabei mit. Die Brotverkäuferin dachte sich auch nichts dabei, als ihr vor zir­ka zwei Jahren eine Helferin der Sozialein­rich­tung anbot, dass sie sich am Park­platz von der Brot­spende doch ein oder zwei Weck­en mit­nehmen kön­nte. Von da an erhielt Sabine von den Helfern etwa ein­mal pro Monat ein bis zwei Weck­en beziehungsweise Laibe. Sowohl Mitar­beit­er als auch Fil­ialleit­er wussten davon. Nie­mand sagte je, dass sie dies unter­lassen solle. Deshalb traf es sie wie aus heit­erem Him­mel, als sie eines Tages von Kol­legin­nen zur Rede gestellt wurde. Mark­tleit­er und Polizei wur­den gerufen und Sabine wegen Dieb­stahls angezeigt und ent­lassen. Der Dieb­stahlsver­dacht war rasch vom Tisch. Trotz­dem war Sabine verzweifelt. Denn eine frist­lose Ent­las­sung bedeutet, auf viel Geld verzicht­en zu müssen, das bei ein­er Kündi­gung zustünde. Hil­fe gabs von der Arbeit­erkam­mer Tirol: Sie gewährte Rechtss­chutz für ein Ver­fahren vor dem Arbeits- und Sozial­gericht, in dem sich die Juris­ten erfol­gre­ich für Sabine ein­set­zten. Der ehe­ma­lige Arbeit­ge­ber ver­suchte zwar, mit ver­we­ge­nen Vor­wür­fen die Ent­las­sung zu recht­fer­ti­gen: „Schließlich sei sie heim­lich vorge­gan­gen, habe sich noch im Geschäft­sraum von Helfern Brot ver­sprechen lasse und sich sodann aus dem Markt geschlichen, um sich die Ware am Park­platz anzueignen. Da die Klägerin, nach­dem sie ertappt wor­den sei, unein­sichtig geblieben sei, sei es nicht mehr zumut­bar gewe­sen, die Mitar­bei­t­erin bis zum Ablauf der Kündi­gungs­frist weit­er zu beschäfti­gen.“ Trotz­dem war für das Gericht in erster Instanz und auch im Beru­fungsver­fahren vor dem Ober­lan­des­gericht Inns­bruck klar, dass Sabine nie (bewusst) pflichtwidrig gehan­delt und damit auch keinen Ent­las­sungs­grund geset­zt hat: (1) So ver­bi­eten die Richtlin­ien des Super­mark­ts lediglich die unmit­tel­bare Weg­nahme von Sozial­re­tour­ware. (2) Für eine Ent­las­sung wegen Vorteil­san­nahme sei der Wert zu ger­ingfügig. (3) Mit dem Dien­stver­hält­nis sei kein unmit­tel­bar­er Zusam­men­hang erkennbar. (4) Und eine Ver­trauen­sun­würdigkeit liege nicht vor. Dank AK erhielt Sabine 13.378,19 Euro – die sie auch bei ein­er Kündi­gung unter Ein­hal­tung aller Fris­ten erhal­ten hätte müssen. Außer­dem muss ihr ehe­ma­liger Arbeit­ge­ber die Prozesskosten – 5.893,12 Euro – zahlen.